Indien \(1526 bis 1857\): Von den Moguln zu den Briten

Indien \(1526 bis 1857\): Von den Moguln zu den Briten
Indien (1526 bis 1857): Von den Moguln zu den Briten
 
Das Erbe des spätmittelalterlichen Militärfeudalismus
 
Nach der »klassischen« Zeit der Guptadynastie hatte sich in Indien ein System mittelalterlicher Regionalreiche ausgebildet. Diese hatten eine beschränkte Herrschaftsreichweite etwa im Umkreis von 100 bis 200 km um ihre Hauptstadt. Oft hatten sie aber eine beträchtliche Interventionsreichweite und sandten Heere über weite Strecken hinweg auf Eroberungszüge. Die Könige kehrten dann mit Beute zurück und setzten die Herrscher, die sie besiegt hatten, als »Vasallen« wieder ein. Sie erfüllten damit den traditionellen Auftrag, sich als »chakravartin« (Eroberer aller vier Weltgegenden) zu bewähren und verkündeten ihre Erfolge auf Felsinschriften. Da ihre Nachbarn ähnliche Ambitionen und Machtmittel hatten, ergab sich ein Gleichgewicht der Regionalmächte. Der Glanz großer Eroberer, die gelegentlich wie leuchtende Kometen vorbeizogen, verlosch bald wieder. Die Hauptwaffengattung blieb über fast ein Jahrtausend der Kriegselefant, dessen Haltung teuer war. Er stand daher nur mächtigen Königen in genügender Anzahl zur Verfügung. Reichtum, Elefantenmacht und Interventionspotenzial bedingten sich gegenseitig.
 
Das Gleichgewicht der indischen Regionalmächte wurde empfindlich gestört, als islamische Reiterkrieger in Indien einbrachen und das Sultanat von Delhi errichteten. Waren frühere Reiche meist nach der herrschenden Dynastie benannt worden und nach deren Ende auseinander gebrochen, so wurde dieses Sultanat nacheinander von mehreren Dynastien beherrscht, darunter immer wieder auch Usurpatoren, die jeweils ins Zentrum strebten und die Kontinuität des Sultanats wahrten. Der Kriegsapparat des Sultanats war gewaltig. Auch Kriegselefanten wurden weiter gehalten, aber die eigentliche Wunderwaffe war jetzt die rasante Kavallerie, die militärische Unternehmungen von größerer Reichweite und höherer Geschwindigkeit garantierte. Eine Züchtung guter Kriegspferde gab es in Indien nicht, sie mussten aus Arabien und Persien importiert werden und waren daher sehr teuer. Wieder bedingten sich Reichtum und Heeresmacht gegenseitig, aber nun in ganz anderen Dimensionen. Die Kavalleriemacht erforderte sowohl eine starke Zentralverwaltung als auch eine dezentrale Verteilung der Garnisonen. Das führte zur Entstehung eines Militärfeudalismus, der sich bald über ganz Indien verbreitete. Schlüsselfigur dieses Systems war der Kavalleriehauptmann, dem ein Militärlehen (iqta) zugeteilt wurde, von dessen Erträgen er seine Garnison und die Pferde unterhalten musste. Zugleich aber war er auf dem Gebiet des Lehens für die lokale Verwaltung und die Steuereinziehung verantwortlich. In der Regel war dieser Hauptmann ein Fremder ohne Hausmacht; so blieb er vom Sultan abhängig.
 
Wer sich gegen dieses System behaupten wollte, musste es nachahmen. So gingen denn auch die Hindukönige Südindiens dazu über, ihre Staaten nach dem Muster des Sultanats von Delhi zu organisieren. Krishnadeva Raya, der größte Herrscher des Reiches von Vijayanagar, nannte sich daher selbst »Sultan der Hindus«. In der Tat war dieses Reich, das nacheinander von vier Dynastien beherrscht wurde, in seiner Struktur dem Delhisultanat sehr ähnlich. Krishnadevas Pferdebedarf war enorm. Er war ein guter Kunde der Portugiesen, die die persischen Pferdehändler ersetzt und deren Landeplatz Goa erobert hatten. Er bezahlte ihnen sogar tote Pferde, so waren die Portugiesen gegen Verluste versichert. Krishnadeva, der von 1509 bis 1529 regierte, war ein Zeitgenosse des ersten Mogulherrschers Babur, aber ein beziehungsloser Zeitgenosse, denn der große Eroberer des Nordens traf nie auf den großen Eroberer des Südens.
 
Als Babur in Indien einfiel, um es im Namen seines Ahnherrn Timur, des von Moskau bis Delhi gefürchteten Eroberers des 14. Jahrhunderts, als sein Erbe zu beanspruchen, übernahm er das System des Militärfeudalismus. Aber er fügte der Militärmacht neue Elemente hinzu, die es ihm ermöglichten, den ihm sonst wesentlich überlegenen Sultan von Delhi vernichtend zu schlagen.
 
 Das Großreich der Moguldynastie
 
Feldartillerie und Reiterschützen
 
Babur war von den Usbeken aus seiner Heimat Samarkand vertrieben worden und hatte sich in Afghanistan eine neue Machtstellung aufgebaut, von der aus er in Indien einfallen konnte. Von den Usbeken hatte er die Taktik der Reiterschützen gelernt, die an den Feind heranpreschten, dann ihr Pferd blitzschnell herumrissen und in dem Moment, in dem es mit dem Rücken zum Feind stillstand, zielgenau ihre Pfeile abschossen. Von den Türken übernahm er leichte Kanonen, die neue Wunderwaffe der Feldartillerie, mit der zu jener Zeit der osmanische Sultan Selim I. die Reiterheere der Mamelucken niedermähte und Syrien und Ägypten eroberte. Die Verbreitung dieser neuen Waffengattung vollzog sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Die Perser setzten sie ein, um sich gegen Selim behaupten zu können, und das Mogulreich wurde das dritte dieser »Schießpulverreiche«. Die Sultane von Delhi hatten zwar auch schon Kanonen, aber es waren schwere, unbewegliche Kaliber, die nur zur Belagerung oder Verteidigung von Festungen geeignet waren. In die Schlacht zogen sie mit Hunderten von Kriegselefanten und großen Kavallerieheeren.
 
Als Babur 1526 auf dem Schlachtfeld von Panipat nördlich von Delhi der riesigen Armee des Sultans Ibrahim Lodi entgegentrat, hatte er seine Stellung gut vorbereitet. Die leichten Kanonen der Feldartillerie wurden mit Lederriemen miteinander verbunden, damit die feindliche Kavallerie nicht zwischen den Kanonen hindurchpreschen konnte. Die Reiterschützen trieben mit ihrem Pfeilhagel die Armee des Sultans auf die Artilleriestellung zu. Pferde und Kriegselefanten wurden niedergemäht. Der Sultan fiel auf dem Schlachtfeld. Baburs Sieg über eine zahlenmäßig weit überlegene Armee alten Stils zeigte den Wert der neuen Waffengattungen und Baburs Kunst, diese Waffen als Feldherr zu koordinieren. Selbst in späteren Zeiten fand sich kaum ein Feldherr von seinem Rang. Das Zusammenspiel von Artillerie und Kavallerie erwies sich stets als problematisch. Aber eine Zentralmacht ohne Feldartillerie war von nun an undenkbar.
 
Babur wiederholte seine siegreiche Taktik bald darauf bei einer Schlacht gegen den Maharaja (Maharadscha) von Mewar, den Führer der Adels- und Kriegerkaste der Rajputen. Dann sandte er seine Artillerie auf Flößen über Yamuna und Ganges nach Osten und eroberte Bengalen.
 
Schon wenig später, im Jahr 1530, fand sein Leben ein ungewöhnliches Ende. Sein 22-jähriger Sohn Humayun erkrankte, und Babur betete zu Gott, lieber sein Leben zu nehmen und den Sohn genesen zu lassen. So geschah es. Doch Humayun musste bald darauf sein Erbe gegen den Afghanen Sher Shah verteidigen, der aus Bihar heranzog und ihn besiegte. Auf der Flucht wurde im Oktober 1542 Humayuns Sohn Akbar geboren, den er bei seinen Verwandten in Afghanistan ließ, während er sich selbst ins Exil nach Persien begab, wo ihn Schah Tahmasp gastfreundlich aufnahm. Mit seiner Unterstützung gelang es Humayun 1555, sein Reich zurückzuerobern, indem er die schwachen Nachfolger Sher Shahs besiegte. Die persische Verbindung blieb von nun an für die Großmoguln wichtig. Persisch wurde ihre Hof- und Verwaltungssprache, persische Literatur und Baukunst wurden für sie zum Vorbild.
 
Sher Shah war ein hervorragender Verwaltungsfachmann, der ein gutes Münzwesen und eine geregelte Grundsteuerveranlagung eingeführt hatte, die Humayun nun zugute kam. Dieser konnte freilich seine neu gewonnene Herrschaft nicht lange geniessen. Schon im Januar 1556 starb er nach einem Sturz auf der steilen Treppe seiner Bibliothek. Es wird vermutet, dass ein Opiumrausch zu diesem Sturz beigetragen hat. Sein junger Sohn Akbar kam auf diese Weise bereits im Alter von 13 Jahren auf den Thron, den er bis 1605 innehaben sollte. Fast hätte ihm ein Usurpator, der Hindu Hemu, der sich Raja (König oder Fürst) Vikramaditya nannte, den Thron streitig gemacht. Er war ein fähiger Feldherr, der für seinen Herrn, einen afghanischen Sultan, bereits viele Schlachten geschlagen hatte. In der entscheidenden Schlacht gegen Akbar wurde er durch einen Pfeil getroffen und stürzte zu Boden. Akbars General empfahl dem jungen Herrscher, den Kopf des Feindes selbst abzuschlagen, und er tat es.
 
Akbar wurde bald einer der größten Eroberer aller Zeiten. Im Alter von 34 Jahren nannte er bereits ein großes Reich sein eigen, das sich von Gujarat im Westen bis Bengalen im Osten ausdehnte. Er konnte nun seine Herrschaft konsolidieren und zeigte sich dabei als Meister der staatlichen Verwaltung. Dies war umso erstaunlicher, als er im Gegensatz zu Vater und Großvater ein Analphabet war. Manche sagen, dass er in seiner Jugend im rauen Afghanistan nicht Lesen und Schreiben gelernt hatte, andere vermuten, dass er ein Legastheniker war. An überragender Intelligenz mangelte es ihm nicht. Da er seine Weisheit nicht aus Büchern schöpfen konnte, suchte er sie im Gespräch. Die von ihm anberaumten öffentlichen Streitgespräche waren berühmt. Für sie ließ er ein besonderes Gebäude errichten. Er selbst thronte auf einer Säule in der Mitte von Brücken, die zu den Galerien führten, auf denen die Diskussionspartner standen. Das Publikum stand unten und durfte zuhören. Dabei ging es meist um religiöse Fragen, für die Akbar ein großes Interesse zeigte.
 
Religiöse Toleranz und staatliche Ordnung
 
Akbar war sich dessen bewusst, dass die große Mehrheit seiner Untertanen Hindus waren und blieben. Als er eine Rajputenprinzessin heiratete, erlaubte er ihr, ihren Glauben beizubehalten. Er schaffte die Kopfsteuer (jiziya) ab, die Ungläubige in islamischen Staaten zahlen mussten, damit der Staat sie schützte. Die Hindu- Untertanen wussten Akbar diese große Geste zu danken. Die Rajputen, zunächst die größten Widersacher der Moguln, wurden Akbars treueste Verbündete. Der Rajputengeneral Man Singh war sein bedeutendster Heerführer. Der Hindu Todar Mall wurde sein Finanzminister; er erwarb sich große Verdienste um die Einziehung der Grundsteuer in Bargeld, die für die Aufrechterhaltung der Zentralmacht entscheidend war. Als einige seiner großen Lehnsleute Akbar einmal fragten, warum er ausgerechnet einen Hindu zum Finanzminister machen musste, fragte er zurück, wer denn ihnen die Bücher führe. Er wusste genau, dass sie diese Aufgabe den Hindus übertrugen.
 
Akbar ging aber noch über diese Politik der passiven Toleranz hinaus und versuchte eine neue Religion zu stiften, die er »Din-i Ilahi« (Gottesglaube) nannte. Es sollte dies eine tolerante, synkretistische — verschiedene religiöse Formen vereinende — Religion mit ihm als Großmeister sein. In der Tat wurde diese Religion nie unter den Massen verbreitet, sondern blieb eher ein Eliteorden. Die Vergöttlichung des Herrschers, die seinen Hindu-Untertanen geläufig, den orthodoxen Muslimen aber zuwider war, spielte dabei eine Rolle. Der bekannte Spruch »Allahu Akbar« (Gott ist groß) wurde am Hof Akbars oft gehört. Man konnte ihn als eine Anspielung auf seinen Namen verstehen.
 
Akbar wollte als Herrscher nicht nur die islamischen Gesetze anwenden, er wollte sie auch selbst auslegen und erneuern dürfen. Die Streitgespräche mit Vertretern aller Glaubensrichtungen hatten den Sinn, ihn als Richter und Vermittler in den Mittelpunkt zu stellen. Die Anordnung der erwähnten Diskussionshalle zeigte diesen Anspruch Akbars. Damit verstieß er natürlich gegen den rechten Glauben des Islam, doch es gelang ihm zugleich — und darum ging es ihm ja — sich als Herrscher aller seiner Untertanen, auch der Ungläubigen, zu profilieren. Aber es waren gewiss nicht nur pragmatische Überlegungen, die ihn zu dieser Religionspolitik bewogen. Er behauptete, selbst religiöse Erfahrungen gemacht zu haben, und war auf seine Weise ein Sucher nach der ewigen Wahrheit.
 
In den profaneren Fragen der Grundsteuerveranlagung und der Neuordnung des Militärfeudalismus zeigte sich Akbar ebenso engagiert und eigenwillig wie in religiösen Dingen. Er ließ alle Militärlehen für zehn Jahre einziehen, bezahlte die Offiziere aus der Staatskasse und ließ die Steuerbuchhalter für ein Jahrzehnt Preise und Steuererträge genau registrieren. Dann wurde daraus der jährliche Durchschnitt ermittelt und die Veranlagung auf dieser Basis fortgeschrieben. Damit löste Akbar gleich zwei Probleme. Er hatte bisher in jedem Jahr den Steuersatz aufgrund der gerade herrschenden Preise selbst festlegen müssen, auch wenn er auf dem Schlachtfeld war. Diese ohne Zweifel willkürliche Entscheidung konnte nur der Herrscher selbst treffen. Auch der Afghane Sher Shah hatte das so gemacht. Nun war das Reich inzwischen viel größer geworden, und es gab regionale Preisunterschiede. Die Fortschreibung des Zehnjahresdurchschnittswerts machte die jährliche Willkürentscheidung überflüssig. Ferner hatten die Militärlehnsträger natürlich kein Interesse daran gehabt, den Herrscher über die Steuererträge ihrer Gebiete genau zu informieren. Auch dieses Problem war durch die zehnjährige Bestandsaufnahme gelöst worden. Als Akbar die Militärlehen wieder ausgab, stand der Wert jedes Lehens fest.
 
Die Hierarchie der Lehnsleute wurde von Akbar ebenfalls auf eine rationale Grundlage gestellt. Jedem wurde ein Rang (mansab) zugeordnet, der sich nach dem persönlichen Gehalt und der Größe seines Kavalleriekontingents bemaß. Bei nichtmilitärischen Beamten konnte die Gehaltsstufe hoch und das Kavalleriekontingent klein sein. Der höchste Mansabdar hatte den Rang 7000, die große Zahl der kleinen Mansabdars hatte Ränge von wenigen Hundert. Im Verbund mit der reformierten Grundsteuerveranlagung war dieses System sehr effizient und bewährte sich unter Akbars Sohn Jahangir und seinem Enkel Shah Jahan, der freilich die Staatskasse arg strapazierte, als er den vergeblichen Versuch unternahm, die Stammheimat der Moguln, Samarkand, zurückzuerobern. Unter Shah Jahan, der ein großer Bauherr und Förderer der Künste war, erlebte das Mogulreich seine Blütezeit. Sein Sohn Aurangseb, der den Feldzug nach Samarkand leitete, kam nur bis Balkh und musste dann unverrichteter Dinge zurückkehren. Er ließ sich das eine Lehre sein und eroberte in seiner Regierungszeit lieber Südindien als noch einmal den Blick nach Nordwesten zu richten.
 
Die Überdehnung des Reichs
 
Im Hochland des Südens, dem Dekhan, war im späten Mittelalter das Bahmani-Sultanat entstanden, das stets im Kampf mit dem Hindureich von Vijayanagar lag. Dieses Sultanat war in vier Nachfolgestaaten zerfallen, die sich untereinander bekriegten, aber immerhin 1565 gemeinsame Sache machten und in einer Entscheidungsschlacht das Reich von Vijayanagar besiegten. Das Mogulreich blieb zu jener Zeit noch auf Nordindien beschränkt. Die drei Sultanate von Golconda (Hyderabad), Bijapur und Ahmednagar bildeten für fast ein Jahrhundert ein gleichgewichtiges System, bis Shah Jahan Ahmednagar eroberte und damit die Mogulmacht auf das Hochland ausdehnte. Aurangseb war in seinen jungen Jahren Vizekönig des Hochlands gewesen und machte es sich nach seinem Regierungsantritt 1658 zur Aufgabe, die Sultanate des Südens zu erobern. Dabei trat ein unerwartetes Hindernis auf. Der Führer des im westlichen Hochland lebenden Volks der Marathen, Shivaji, der von seinem Vater ein Lehen in Pune geerbt hatte, schwang sich zum Widerstandskämpfer gegen die Mogulmacht auf und ließ sich 1674 feierlich zum Hindukönig krönen.
 
Shivaji versuchte nicht, dem Großmogul eine eigene Feldartillerie entgegenzusetzen, sondern verlegte sich auf eine Guerillataktik. Mit leichter Kavallerie überfiel er den Feind blitzartig und zog sich dann wieder zurück. Auf den Tafelbergen um Pune ließ er uneinnehmbare Festungen errichten. Die schwerfällige Armee des Großmoguls, die für die großen Feldschlachten in den Ebenen des Nordens bestens gerüstet war, tat sich in diesem Terrain schwer. Aurangseb konnte schließlich die Sultanate unterwerfen, aber die Marathen blieben ein Pfahl in seinem Fleische. Shivaji konnte er nicht besiegen, aber dessen Sohn Sambhaji schlug er und ließ ihn grausam töten. Sambhajis Sohn Shahu ließ er als Geisel an seinen Hof verbringen und dort erziehen, um ihn dereinst als gefügigen Vasallen einzusetzen. Um das Hochland dauernd unter Kontrolle zu bringen, errichtete Aurangseb dort eine zweite Reichshauptstadt namens Aurangabad. An diesem Ort verbrachte er die letzten 25 Jahre seines Lebens. Schon zu seinen Lebzeiten machten sich die Schwierigkeiten bemerkbar, die sich aus der Überdehnung des Reichs ergaben.
 
Aurangseb vermehrte die oberen Ränge der Mansabdars, um sich im Süden eine Gefolgschaft zu sichern. Aber das Grundsteueraufkommen des kargen Hochlandes kompensierte diese Maßnahme nicht. Dann reduzierte Aurangseb die Kavalleriekontingente der Lehnsträger zum Zweck der Inflationsanpassung. Im Unterschied zu Akbar war Aurangseb ein orthodoxer Muslim und führte die Kopfsteuer (jiziya) wieder ein, was seine Hindu-Untertanen gegen ihn aufbrachte. Was sich aber vielleicht am ungünstigsten auswirkte, war Aurangsebs lange Regierungszeit von einem halben Jahrhundert. Der dynastische Darwinismus, der darin bestand, dass es kein Erstgeburtsrecht bei den Moguln gab, sondern die Nachfolge meist durch blutige Kämpfe unter den Prinzen entschieden werden musste, hatte dafür gesorgt, dass in der Regel starke Herrscher an die Macht kamen. Aurangsebs Sohn Akbar, der gegen ihn rebelliert hatte, starb lange vor dem Vater im Exil. Der Sohn, der ihm dann 1707 auf dem Thron folgte, war schon 63 Jahre alt und ein sehr schwacher Herrscher, der den Verfall des Reiches nicht mehr aufhalten konnte.
 
 Indische Regionalstaaten des 18. Jahrhunderts
 
Nach dem Zerfall des Mogulreichs bildeten sich wieder Regionalstaaten in Indien. In der Rückschau wurde das 18. Jahrhundert als eine dunkle, chaotische Epoche verteufelt. Besonders die nationalistische indische Geschichtsschreibung stellte es so dar, denn sie brauchte eine Erklärung für den Verlust der Freiheit, der Indien damals zum Schicksal wurde.
 
In wirtschaftlicher Hinsicht war dieses Jahrhundert keine schlechte Zeit, das zeigt nicht zuletzt die landwirtschaftliche und handwerkliche Produktion, die die europäischen Handelsgesellschaften zu einem immer stärkeren Engagement in Indien bewog. Die weißen, unbedruckten Baumwollstoffe Bengalens wurden in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts in großen Mengen als Halbfertigfabrikate an die Londoner Textildruckereien geliefert. Silber floss bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts weiterhin reichlich nach Indien. Der Großmogul war nahezu bedeutungslos geworden. Dafür stiegen die muslimischen Nawabs (Fürsten) von Bengalen und Oudh und der Nisam (Gouverneur) von Hyderabad — alle noch nominell Statthalter des Mogulregimes — zu bedeutenden regionalen Machthabern auf. Im Westen Indiens machten sich die Marathen wieder bemerkbar. Tonangebend waren jetzt nicht mehr die Nachfolger Shivajis, sondern deren mächtige Hausmeier (Peshwa), die in Pune residierten. Baji Rao I., der dieses Amt von 1720 bis 1740 innehatte, war ein unermüdlicher Reiterkrieger, von dem es hieß, dass er bei seinen Feldzügen in der Nähe seines Pferdes auf dem Boden übernachtete. Er war nicht nur ein kühner Krieger, sondern auch ein kühler Rechner, dem nie das passierte, was so viele indische Kriegsherrn erlebten, dass nämlich im entscheidenden Moment die Kriegskasse leer war und ihnen die Soldaten wegliefen.
 
Hätten sich nicht ausländische Mächte eingemischt, dann wäre wohl ein indisches Gleichgewicht entstanden. Denn die Interventionen der Nachbarn blieben reine Episoden, die nicht zu dauerhaften politischen Veränderungen führen konnten. Der Perser Nadir Schah plünderte 1739 Delhi und nahm den Pfauenthron der Großmoguln als Beute mit, wurde dann aber nie wieder in Indien gesehen. Der Afghane Ahmed Schah Durrani fiel mehrfach in Indien ein und besiegte die Marathen 1761 auf dem Schlachtfeld von Panipat, zog sich dann aber wieder nach Afghanistan zurück. Wären nicht die europäischen Seemächte in Indien erschienen und hätten dort ihre Brückenköpfe errichtet, von denen aus sie nach und nach tiefer ins Land eindrangen, so hätte sich in Indien zunächst nichts geändert. Aus der Sicht der indischen Machthaber waren diese Europäer unwichtig und ungefährlich. Wer keine Kavallerie hatte, der wurde nicht als ernsthafter Herausforderer angesehen. Selbst als die Europäer anfingen, in ihren Handelsstationen indische Söldner als Infanteristen auszubilden, wurde das in Indien nicht als Bedrohung empfunden. Der als undiszipliniert geltende Fußsoldat hatte in der indischen Armee keine wichtigen Aufgaben. Im besten Fall war er ein Scharfschütze, der sich auf einzelne Ziele konzentrierte. Dass Schützen mit modernem europäischen Infanteriedrill wie eine Maschine Salven abfeuern und damit die Kavallerie niedermähen konnten, wurde den indischen Feldherrn erst langsam, dann aber sehr schmerzlich bewusst. Die Überlegenheit der Europäer lag nur im Drill und in der Organisation. Ihre Waffen waren in Indien bekannt und standen allgemein zur Verfügung. Während sonst jeder schicksalhafte Umschwung in der indischen Geschichte mit der Einführung neuer Wunderwaffen verbunden war, vom Streitwagen über den Kriegselefanten bis zur Feldartillerie, war die europäische Übermacht nur den effizienteren Organisationsmethoden zu verdanken. Das bemerkten auch einige indische Machthaber, die europäische Offiziere anwarben, um ihre Truppen auf Vordermann zu bringen. Doch gerade weil es hier nicht um Technologietransfer, sondern um Menschenführung ging, waren diese Offiziere selten erfolgreich, es sei denn sie beschränkten sich auf die Ausbildung von Spezialeinheiten, die ihnen direkt unterstanden.
 
Die Briten, die im 18. Jahrhundert zur wichtigsten Handelsmacht in Indien aufstiegen, hätten von sich aus wohl nicht versucht, in großem Umfang Territorialherrschaft auf indischem Boden zu erwerben. Die Direktoren der Ostindiengesellschaft waren auf Sparsamkeit bedacht und verurteilten unnötige Militärausgaben. Aber die weltweite britisch-französische Rivalität, die das 18. Jahrhundert kennzeichnete, machte auch vor Indien nicht Halt und bewirkte schließlich, dass sich beide Mächte indische Klienten suchten und Stellvertreterkriege führten. Die indischen Machthaber hatten keinerlei Vorurteile gegen Bündnisse mit den Europäern, die für sie ja immer noch unbedeutend waren und schon gar nicht als bedrohlicher empfunden wurden als der jeweilige indische Feind.
 
 Die Kolonialzeit beginnt
 
Die britisch-französische Rivalität
 
Der Kampf Großbritanniens gegen Frankreich, bei dem es um die Weltherrschaft ging, erstreckte sich von den Wäldern Kanadas bis ins Innere Indiens. In Europa wurde dieser Kampf immer wieder durch Friedensschlüsse unterbrochen, an der Peripherie wurde er zum Dauerkrieg. An sich war dies ein sehr ungleicher Kampf, denn Großbritannien hatte damals nur etwa 5 Millionen Einwohner, Frankreich dagegen 25 Millionen. Die Briten hatten aber das bessere Finanzsystem und konnten genug Geld mobilisieren, um Bundesgenossen zu unterstützen, die Frankreich in die Schranken forderten. Der Preußenkönig Friedrich der Große, der »Festlandsdegen« der Briten, war nur das prominenteste Beispiel.
 
In Indien hatten die Briten von Anfang an die besseren Karten. Ihre Ostindiengesellschaft war besser organisiert als die französische, die mit viel Aufwand und wenig Gewinn arbeitete und immer wieder ihren Betrieb einstellen musste. Die 1600 gegründete Londoner East India Company hatte schon 1660 den Schiffbau auf einer eigenen Werft aufgegeben und mietete statt dessen die Schiffe privater Schiffseigner, die sich bemühten, der Gesellschaft die besten und schnellsten Schiffe anzubieten. Lief das Geschäft einmal nicht gut, wurden weniger Schiffe gemietet. Die französische Gesellschaft, die Compagnie des Indes Orientales, investierte dagegen ihr Geld in eine eigene Flotte und besaß dann oft nicht genug Kapital, um Handelsgüter zu erwerben. Der Kontrast im Verhalten der beiden Nationen wurde schon bei der ersten Unternehmung der 1664 gegründeten Gesellschaft klar. Ein französischer Vizekönig, De La Haye, erschien mit neun Schiffen vor der südindischen Küste, und da es gerade die Zeit des 3.englisch-niederländischen Seekriegs war, erhoffte er sich von den Engländern in Indien Unterstützung gegen die Niederländer. Er bekam aber die Antwort, dass die englische Ostindiengesellschaft sich nicht um die Kriege ihres Königs kümmere und ihm daher auch keine Hilfe leisten könne. De La Haye wurde von den Niederländern geschlagen, verlor alle Schiffe und wurde auf einem niederländischen Schiff nach Europa zurückgebracht.
 
Lange Zeit blieben die Aktivitäten der Franzosen in Indien Randerscheinungen. Erst unter dem fähigen Gouverneur Joseph-François Dupleix machte sich der französische Einfluss in Indien deutlicher bemerkbar. Er war es auch, der damit begann, indische Söldner einzustellen und sie mit europäischem Drill auszubilden. Die Briten folgten diesem Beispiel bald. Der unmittelbare Nachbar der Briten und Franzosen in Südindien war der Nawab von Arcot, der seinerseits dem Nisam von Hyderabad unterstand. Sowohl in Arcot als auch in Hyderabad gab es Nachfolgestreitigkeiten, als 1748 der alte Nisam von Hyderabad starb. Daraufhin bildeten sich in beiden Zentren je zwei Parteien, und Briten und Franzosen ergriffen für ihre jeweiligen Klienten Partei. Dupleix glaubte, gewonnen zu haben, als sein Schützling Nisam von Hyderabad wurde. Zugleich zeichnete sich 1751 ein britischer Schreiber, Robert Clive, bei der Einnahme und Verteidigung von Arcot aus und erwarb damit im Alter von 26 Jahren bereits großen militärischen Ruhm.
 
Dupleix wurde der Ausbruch des Siebenjährigen Kriegs zum Verhängnis. Ein hochfahrender französischer General wurde nach Indien entsandt, der von Land und Leuten keine Ahnung hatte und 1760 bei Wandiwash in der Nähe von Madras von britisch-indischen Truppen vernichtend geschlagen wurde. Die französische Ostindiengesellschaft entschied bald darauf, ihren verlustreichen Betrieb in Indien einzustellen und Dupleix abzuberufen. Damit begab sich Frankreich seiner Einwirkungsmöglichkeiten, als gegen Ende des 18. Jahrhunderts noch einmal ein indischer Herrscher, Tipu Sultan, im Kampf gegen die Briten auf die französische Karte setzte und dann den Kürzeren zog.
 
Die Ostindiengesellschaft als Territorialmacht
 
Robert Clive hatte inzwischen rasch Karriere gemacht und war nach England zurückgekehrt, um einen Sitz im Parlament zu erlangen. Dabei hatte er kein Glück, kehrte dann aber mit dem Offizierspatent eines Oberstleutnants nach Indien zurück. Gerade zu jener Zeit hatte der junge Nawab von Bengalen den Briten befohlen, ihre ohne seine Genehmigung in Kalkutta errichtete Festung zu schleifen. Clive wurde nach Bengalen entsandt und besiegte den Nawab 1757 auf dem Schlachtfeld von Plassey. Den Sieg bewirkte der General des Nawab durch Verrat: Er lief — wie zuvor vereinbart — während der Schlacht zu Clive über und wurde dafür von ihm zum Nawab gemacht. Clive nahm diesen Usurpator namens Mir Jafar tüchtig aus. Es begann eine unrühmliche Zeit der Ausplünderung Bengalens durch die Angestellten der Ostindiengesellschaft.
 
Der Großmogul, der schon lange den ihm zustehenden Anteil des Steueraufkommens von Bengalen nicht mehr erhalten hatte, wollte nun mit den Briten ins Geschäft kommen und trug ihnen die »Diwani« (zivile Verwaltung) Bengalens an. Clive wollte dieses Angebot akzeptieren, meinte aber, dass dies im Namen der Krone und nicht der Ostindiengesellschaft geschehen solle. Außenminister William Pitt der Ältere befürchtete indes, dass das Steueraufkommen Bengalens in die Hände König Georgs III. geraten und so die Macht des Parlaments schmälern könne. Pitt empfahl Clive, die Diwani für die Ostindiengesellschaft zu übernehmen. Das geschah 1765, und so wurde die Ostindiengesellschaft zur Territorialmacht in Indien.
 
Unter den Nawabs war das Steueraufkommen Bengalens im Lande verblieben, die Briten aber brachten es ins Ausland. Es bildete sich ein für die Briten äußerst profitabler Dreiecksverkehr. Silber wurde von Bengalen nach China transferiert, wo die Ostindiengesellschaft Tee kaufte, den sie auf ihren schnellen Schiffen nach London, ja sogar bis nach Amerika brachte. Der Teehandel wuchs gegen Ende des 18. Jahrhunderts gewaltig an. Die Chinesen waren in der Lage, bei wachsender Nachfrage den Tee zu immer niedrigeren Preisen zu liefern, weil sie die Teeanbaufläche enorm erweiterten. Viel von dem Silber, das die Europäer seit über zwei Jahrhunderten nach Indien gesandt hatten, um dort Agrarprodukte und Textilien zu kaufen, wurde auf diese Weise in kurzer Zeit wieder aus Indien herausgepumpt. Hinzu kam, dass sich im 19. Jahrhundert die Warenströme umkehrten und nun die Produkte der neuen britischen Textilindustrie in Indien verkauft wurden.
 
Inzwischen hatten die Briten ihre Territorialherrschaft wesentlich ausgeweitet; sie brauchten für ihre Eroberungen immer mehr Geld, das sie dem indischen Steuerzahler abringen mussten. Der erste große Architekt des British Empire in Indien war der Generalgouverneur Warren Hastings, der mit meisterhafter Diplomatie und wohl dosierter Gewaltanwendung viel Land gewann. Er wurde dafür vor dem britischen Parlament angeklagt und abberufen. Doch das Parlament setzte sich keineswegs für die Rückgabe des Landes, das Hastings erworben hatte, an seine indischen Eigentümer ein. Hastings hatte von der Pike auf in der Ostindiengesellschaft gedient. Sein Nachfolger war ein adliger General, Lord Charles Cornwallis, der gerade den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verloren hatte, aber nun mit großen Vollmachten nach Indien entsandt wurde. Er beglückte Bengalen mit einer Festschreibung der Grundsteuerveranlagung (permanent settlement). Die bisherigen indischen Steuereinnehmer wurden Grundherren nach britischen Recht, ihre Untergebenen wurden zu Pächtern. Das hatte für die Briten den Vorteil, dass sie sich nur noch an die neuen Grundherren halten mussten, deren Besitz sie, falls nötig, zwangsversteigern lassen konnten. Lord Cornwallis musste sich auf ein geregeltes Steueraufkommen aus Bengalen verlassen können, weil seine Kriege gegen Tipu Sultan in Südindien sehr kostspielig waren. Tipu hatte eine modern ausgerüstete Armee aufgebaut und machte den Briten sehr zu schaffen. Außerdem pflegte er Kontakte zu den Franzosen, was ihm nicht viel nützte, aber den Briten in Indien als Argument dienen konnte, um den Krieg gegen ihn voranzutreiben.
 
Die Angestellten der Ostindiengesellschaft waren durch diese kriegerischen Zeiten militarisiert worden. Es waren sozusagen viele kleine Clives emporgekommen, die nicht mehr in der langweiligen Verwaltungslaufbahn, sondern im Kriegsruhm den Weg zum raschen Aufstieg sahen. Ihnen war der neue Generalgouveneur Lord Richard Wellesley willkommen, der ebenfalls auf Kriegsruhm bedacht war und Indiens angebliche Bedrohung durch Napoleon als Argument für eine offensive Strategie nutzte. Wellesley wagte es sogar, Geld, das die Direktoren für den Kauf von Waren nach Indien sandten, diesem Zweck zu entfremden und für militärische Abenteuer auszugeben. Der letzte Krieg gegen Tipu Sultan 1799 wurde ein voller Erfolg. Wellesleys jüngerer Bruder Arthur, der spätere Herzog von Wellington, der Napoleon bei Waterloo schlug, konnte sich in diesem Krieg gegen Tipu seine Sporen verdienen. Danach versuchte Wellesley, die Marathen zu bezwingen, doch das wäre ihm fast zum Verderben geworden. Als er 1805 Indien verließ, standen die wesentlichen Konturen Britisch-Indiens fest. Es folgten dann noch die Eroberung Sindhs 1843 und die Sikhkriege, die 1846 mit der Eroberung des Pandschab endeten.
 
Die Verwaltung des Riesenreiches erforderte eine kompetente Beamtenschaft. Die Angestellten der Ostindiengesellschaft wurden aber ursprünglich nur für das Handelsgeschäft rekrutiert. Die Direktoren der Gesellschaft hatten ein Vorschlagsrecht und waren für das Wohlverhalten ihrer Kandidaten verantwortlich; diese mussten aber auch noch eine Kaution stellen, die etwa das Zehnfache ihres Jahresgehalts betrug. Das ganze System war darauf angelegt, dass sich die Angestellten in Indien bereicherten. Sie durften das, wenn sie die Gesellschaft nicht direkt schädigten. Erst Cornwallis hatte das System geändert. Die Beamten der Territorialverwaltung erhielten nun hohe Gehälter, die ihnen Unbestechlichkeit ermöglichen sollten. Für ihre Ausbildung wurde in England das Haileybury College errichtet. In Indien brauchte man zur Unterstützung der britischen Beamten indische Beamte mit westlicher Bildung. Englisch löste bald Persisch als Verwaltungssprache ab. Thomas Babington, Baron Macaulay, der als Justizminister nach Indien entsandt wurde, empfahl, die Förderung einheimischer Bildungsinstitutionen abzuschaffen und konzentriert westliche Bildungsinhalte zu vermitteln. Hastings hatte sich noch für indische Sprachen und Literaturen interessiert, Macaulay meinte, die gesamte orientalische Literatur sei nicht so viel wert wie ein Regal einer europäischen Bibliothek. Er wollte Inder heranziehen, die nur noch der Abstammung nach Inder, sonst aber britische gentlemen seien. Als diese dann tatsächlich nach einiger Zeit heranwuchsen, besser Englisch sprachen als die Kolonialherren und sie an Intelligenz übertrafen, wurden sie den Briten unheimlich.
 
Der große Aufstand von 1857
 
In der Mitte des 19. Jahrhunderts fühlten sich die britischen Kolonialherren noch auf der Höhe ihrer Macht. Ihr Sendungsbewusstsein war ungebrochen. Generalgouverneur Lord James Andrew Dalhousie, der in England ein Pionier des Eisenbahnbaus gewesen war, entwarf einen kühnen Plan für ein indisches Schienennetz von 8000 km. Die erste Strecke, die von Bombay nach Thane führte, wurde 1853 eröffnet. Neben der Eisenbahn war es der Telegraf, der Dalhousies Fantasie beflügelte. Er entwarf eigenhändig die Telegrafenlinie von Kalkutta bis nach Peshawar an der Nordwestgrenze Indiens und empfing schon 1854 die erste telegrafische Nachricht, die ihm von Agra nach Kalkutta übermittelt wurde.
 
Derselbe Dalhousie schmiedete aber noch andere Pläne, die die Macht der Briten in Indien ernsthaft gefährden sollten. In den Jahren der Eroberung hatten die Kolonialherren mit vielen indischen Fürsten Bündnisverträge geschlossen, die sich bisher als nützlich erwiesen hatten. Meist waren es wirtschaftlich nicht besonders wertvolle Gebiete, die den Fürsten belassen worden waren und nun unter »indirekter« Herrschaft standen. Ein britischer Resident am Fürstenhof genügte, um diese Art der Herrschaft auszuüben. Die Fürsten blieben so wie Insekten im Bernstein in Britisch-Indien eingeschlossen. Das war kostengünstig und störte niemanden. Dalhousie hätte gut daran getan, nicht daran zu rühren. Doch als rational Denkender fand er das ganze Bündnissystem anachronistisch und überflüssig. Sicher konnte man es nicht mit einem Federstrich abschaffen, aber doch zumindest immer dann, wenn ein Fürst ohne Erben starb, seinen Staat als »heimgefallenes Lehen« einziehen. So geschah es denn auch, und Dalhousie verbuchte etliche Erwerbungen dieser Art, ehe er Indien 1856 verließ. Seine letzte und folgenschwerste Initiative war jedoch die Amtsenthebung des Nawab von Oudh wegen »Misswirtschaft«, ein äußerst fadenscheiniger Vorwand, der nur dazu dienen sollte, das Steueraufkommen dieses reichen Staats den Briten zu sichern.
 
Ein großer Teil des indischen Söldnerheeres, das von den Briten als »Bengal Army« bezeichnet wurde, stammte aus dem Fürstenstaat Oudh. Die Soldaten fühlten sich durch die Absetzung des Nawab gekränkt, hatten aber auch noch andere Gründe, um mit den Kolonialherren unzufrieden zu sein. Es war ein Gesetz ergangen, das die Soldaten zum Dienst in Übersee verpflichtete, obwohl das Überqueren des Meeres für orthodoxe Hindus verboten war. Diese Regel galt früher nicht, sondern wurde erst im Mittelalter eingeführt, dafür aber umso gewissenhafter beachtet. Ferner wurde ein neues Gewehr eingesetzt, dessen Patronen eine unangenehme Eigenschaft hatten: Ihre Schutzhülsen waren mit tierischem Fett eingefettet und mussten von den Soldaten beim Laden abgebissen werden. Es zirkulierten Gerüchte, dass die Briten durch diese Maßnahme die Soldaten zwangsweise zum Christentum bekehren wollten, weil sie durch das Tierfett verunreinigt und von ihren Religionsgemeinschaften ausgestoßen worden wären. Viele Soldaten verweigerten daher die Annahme der Patronen und wurden fristlos entlassen.
 
Als auch der britische Oberst, der die Garnison von Meerut in der Nähe von Delhi befehligte, ein Exempel statuieren wollte und die Verweigerer vor versammelter Mannschaft in Ketten legen ließ, meuterte die Garnison am folgenden Tag. Einige britische Offiziere wurden ermordet. Dann zogen die Meuterer nach Delhi und unterstellten sich dort dem greisen Großmogul, dessen Herrschaft sie wieder errichten wollten. Der fand aber nur einen alten Artilleriefeldwebel, den er den Meuterern als Anführer empfehlen konnte. Der Mangel an Führung war denn auch der Grund für das Scheitern des Aufstandes. Die neue Bildungsschicht der Inder verhielt sich still und unterstützte die Meuterer nicht; sie hätte unter den restaurativ gesonnenen Rebellen auch keine Zukunft gehabt.
 
Dagegen fanden die Rebellen bei den Grundherren und Bauern Nordindiens, die von der britischen Grundsteuerveranlagung und den Zwangsverkäufen ihres Landes betroffen waren, durchaus Sympathisanten. Fürstinnen wie die junge Rani von Jhansi, deren Ehemann gestorben und der die Briten die Adoption eines Sohnes verweigert hatten, um ihr Territorium einziehen zu können, stießen auch zu den Rebellen. Die Rani zog hoch zu Ross in die Schlacht und fiel; sie wird noch heute als Nationalheldin verehrt. Spätere Nationalisten haben den Aufstand als ersten indischen Unabhängigkeitskrieg gefeiert, aber das war er nicht. Er blieb auf einige Gebiete Nordindiens beschränkt und wurde hauptsächlich von den meuternden Soldaten getragen.
 
Die Briten waren zunächst geradezu sprachlos und kaum imstande, die gefährliche Lage zu überblicken. Immerhin hatte der neue Telegraf die Nachricht vom Aufstand noch von Agra nach Kalkutta übermittelt, ehe die Rebellen die Telegrafendrähte durchschnitten. Auf indische Truppen konnte man sich nicht mehr verlassen, doch die Briten bedurften dringend der Unterstützung: Es gab in Indien zu jener Zeit nur 40000 britische Soldaten, denen 232000 indische Soldaten gegenüberstanden. Unerwartete Hilfe bekamen die Briten von den Sikhs, die nur wenige Jahre zuvor von der »Bengal Army« besiegt worden waren und sich jetzt rächen konnten. Die Sikhs machten sich dadurch bei den Briten besonders beliebt und wurden später bevorzugt für die britisch-indische Armee rekrutiert. Es dauerte immerhin fast ein Jahr, bis die Briten in Nordindien wieder die Oberhand hatten. Die Ostindiengesellschaft blieb dabei auf der Strecke. Sie hätte die Verluste, die durch den Aufstand entstanden waren, nicht tragen und auch nichts in den Wiederaufbau investieren können. So kam Indien unter die Herrschaft der Krone.
 
Prof. Dr. Dietmar Rothermund
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Indien: Indien unter britischer Herrschaft
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Sultanat von Delhi: Koexistenz der Religionen
 
 
Alam, Muzaffar: The crisis of empire in Mughal north India. Awadh and the Punjab, 1707-48. Delhi u. a. 1986.
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Universal-Lexikon. 2012.

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